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Bewertung:
Das Geheule war groß, als die finnischen
Düster-Rocker von HIM vor zwei Jahren ihr
drittes Studioalbum „Deep shadows and brilliant
highlights“ auf den Markt brachten. Fans und
Kritiker beschwerten sich, dass die Band sich
völlig dem Kommerz verschrieben habe und ihr
immens erfolgreiches Zweitwerk „Razorblade
romance“ (2000) dreist zu kopieren versuchte.
HIM selber gaben offen zu Protokoll, dass sie
auch nicht glücklich mit dem Werk seien, aber
von der Plattenfirma (BMG) mehr oder weniger
gezwungen wurden, diesen Weg einzuschlagen.
Nun, die Wahrheit liegt, wie so oft,
irgendwo dazwischen. Fest steht, dass „Deep
shadows and brilliant highlights“ zwiespältige
Reaktionen auslöste und bei weitem nicht so
erfolgreich war wie sein Vorgänger. Doch dem
soll nun Abhilfe geschaffen werden. Auf ihrem
aktuellen Werk „Love metal“ streben die Herren
Ville Valo (Vocals), Daniel „Linde“ Lioneye
(Gitarre), Michael „Mige“ Eros (Bass), Buddha
„Gas“ Cognac (Drums) und Burton (Keyboards) eine
Art Rückbesinnung auf alte „Greatest lovesongs
vol. 666“-Zeiten an. Sprich: Mehr Rockgitarren
anstelle poppiger Keyboardteppiche. Wobei man
davon ausgehen kann, dass die epische Wucht der
Herzschmerzdramen von Texter und Songschreiber
Ville Valo auch anno 2003 sehr stimmig
eingefangen wird.
Ville Hermanni Valo,
Mastermind der finnischen Himmelstürmer, wurde
am 22.11.1976 in Helsinki geboren. Früh stellte
sich heraus, dass der kleine Ville kein
gewöhnliches Kind war. Schon als Jugendlicher
zeigte er eine besondere Vorliebe fürs Bizarre.
So gehörten der Kiss-Bassist Gene Simmons, der
morbide Horrorautor Edgar Allan Poe und
Westernheld Clint Eastwood zu seine ersten
Idolen. Seine erklärten Hassobjekte waren die
Beatles und Blumen (sic!). Auch Familie Valo war
nicht gerade das, was man eine gutbürgerliche
Kleinfamilie nennt. Vater Valo betreibt einen
Sexshop und setzte Sohn Ville als Verkäufer
hinter die Kasse. Aus dieser Zeit rührt Villes
Vorliebe für Sexspielzeuge, die er auch heute
noch leidenschaftlich sammelt. Ville ist 20
Jahre alt als er 1996 mit Mikko Henrik die Band
HIM gründet. Primäres Ziel der Band ist es, dem
öden Alltag zu entfliehen, da alle
Bandmitglieder in relativ langweiligen und zudem
schlecht bezahlten Jobs arbeiten. HIM ist das
Kürzel für „His Infernal Majesty“ und gibt
bereits jede Menge Aufschluss über die Musik,
die zwischen Glamour, Pathos und Gothic angelegt
ist. Noch im selben Jahr erscheint die erste,
selbstbetitelte EP in einer Auflage von 1.000
Stück auf dem finnischen Markt. Die Plattenfirma
BMG Finnland wird so auf HIM aufmerksam und
bietet der Band 1997 einen Plattenvertrag an. In
Skandinavien sorgen HIM mittlerweile vor allem
durch ihre Live-Performances für Aufsehen. Ville
Valo entpuppt sich besonders bei der weiblichen
Fans als Sexsymbol. Die Presse betitelt ihn als
Reinkarnation Jim Morrisons und vergleicht ihn
mit dem jungen David Bowie. Ein paar Jahre
später, nach drei Alben und über zwei Millionen
verkauften Einheiten, gehören Ville Valo und HIM
zu den ganz großen Acts der europäischen
Rockmusik.
Im April 2003, nach fast 1 ½
Jahren Produktionszeit, legen die Finnen nun
ihres neues Werk vor. Das Album wurde im Finnvox
Studio in Helsinki, mit dem alten Vertrauten
Hiili Hiilesmaa, aufgenommen und zum Abmischen
in die Hände von Tim Palmer (Sepultura, Ozzy
Osbourne, U2, Pearl Jam) gelegt. Vorbote der
vierten CD ist die Single „The funeral of
hearts“, die im März erschien und wieder alle
Markenzeichen des HIM-Sounds vereint. Mit seiner
zuckersüßen Melodie, gepaart mit derben
Gitarrenklängen, geht der Track absolut auf
Nummer sicher und kann deshalb getrost als
„definitiver HIM-Song“ bezeichnet werden. Wer
HIM in der Vergangenheit mochte, wird den Track
lieben. Die, die sich bereits über „Gone with
the sin“ oder „Right here in my arms“ aufregten,
werden auch mit „The funeral of hearts“ ihr
Waterloo erleben.
Doch die Maxime auf
„Love metal“ lautet Rückbesinnung. Und so legen
HIM auf ihrer neuen CD los wie die Feuerwehr und
knüppeln im Highspeedtempo mit „Buried alive by
love“ einen der härtesten Songs der
Bandgeschichte raus. Da sich auf der limitierten
Auflage des Albums ein Videoclip zu diesem Track
befindet, ist davon auszugehen, dass der Song
die zweite Singleauskopplung wird. Hoffentlich
vergraulen die Finnen damit nicht ihr
Stammpublikum, denn „Buried alive by love“
brettert doch ganz schön heftig aus den
Speakern. In eine ähnliche Richtung zielt auch
„Beyond redemption“. Der Song bewegt sich im
Midtempobereich und wird von druckvollen
Basssounds in bester Gothic-Metal-Manier
geprägt. Der Refrain ist wieder typisch HIM:
Hymnisch und eingängig. Mit „Sweet pandemonium“
folgt die erste Ballade. Ein von orchestralen
Klängen getragener Schmachtfetzen im Stile von
„Close to the flame“. Ville Valo haucht, gluckst
und jauchzt wie in besten Tagen. Zum Glück
sorgen die schneidigen Gitarren dafür, dass der
Song nicht all zu sehr in seichte Gewässer
abdriftet.
„Soul on fire“ startet
ebenfalls mit enormem Tempo, dem aber nicht
durchgehend standgehalten wird. Es gibt immer
wieder kleine Breaks, in denen Ville das Ruder
übernimmt und die Instrumente lediglich Beiwerk
zu seinen gehauchten Vocals sind. Der Refrain
gehört dagegen zur härteren Sorte. Treibende
Beats und kreischende Gitarren beweisen dem
Hörer nochmals mit Nachdruck, dass HIM die Liebe
zu ruppigen Gitarrenklängen wiederentdeckt
haben. „This sacrament“ beginnt mit einem
traumhaften Piano-Intro, das nahtlos in einen
epischen Keyboardteppich übergeht. Wenn kurz
darauf die Gitarren und das Schlagzeug
einsetzen, stellt man rasch fest, dass das
Grundgerüst des Songs dem Hit „Join me (in
death)“ ähnelt. Kein schlechter Song, der aber
vielleicht etwas zu sehr auf Nummer sicher geht.
Bei den doomigen Klängen im Intro von „This
fortress of tears“ lassen Black Sabbath grüßen.
Man erahnt, wohin die Reise geht. Doch der Song
schlägt erst ein paar Haken. Nach einem
atmosphärischen Piano-Part, zu dem Ville stöhnt
und schmachtet, ergreifen langsam die Gitarren
das Regiment und führen den Song in den Hafen
eines begnadeten Refrains. Ville Valo, der
Meister der Melodien hat wieder zugeschlagen!
„Circle of fear“ und „Endless dark“
werden von akustischen Gitarren eingeleitet, die
in düsteren Bass-Grooves münden. Zusammen mit
Valos dunkler Grabesstimme wird bei beiden
Stücken eine mystische Atmosphäre erzeugt, die
nur von den optimistischen Refrains aufgebrochen
wird. Trotzdem zählen die genannten Songs eher
zur Gattung überdurchschnittlichen
Füllmaterials. Zum Abschluss walzen Valo und
seine Mannen mit „The path“ ein ausschweifendes
Acht-Minuten-Epos in die Landschaft. Finnlands
größter Dildosammler legt noch mal die gesamte
Gefühlspalette in seine Stimme und leidet bis
ihm und uns die Tränen kommen. Die Melodie
schwebt begleitet von kitschigen Uuhuu-Chören
durch den Raum, während die Gitarre ihr
trauriges Lied von gebrochen Herzen, flammender
Liebe und dem Tod spielt - also den
hauptsächlichen Zutaten von Herrn Valos, mit
Verlaub, reichlich beknackten Texten. Aber das
ist ein anderes Thema. Auf jeden Fall verraten
die zehn Songs des Albums Ville Valos Gespür für
starke Melodien und unterstreichen den Charakter
handgemachter Rockmusik.
Bleibt
festzuhalten, dass HIM mit „Love metal“ die
Kurve noch mal bekommen haben und zu etwas
härteren Klängen zurückgekehrt sind. Das weiß
durchaus zu gefallen und lässt den arg
verquasten Vorgänger „Deep shadows and brilliant
highlights“ vergessen, welcher der Band
künstlerisch wie zwischenmenschlich beinahe den
Garaus gemacht hätte. „Love metal“ ist ein
grundsolides Album geworden, das für fast jeden
etwas bietet. Hitparadenfutter,
Heavy-Metal-Eskapaden und epische Breitwandmusik
mit erhöhtem Leidensfaktor auf Seiten des
Sängers. Dass man so einen Schritt zurück, der
im Prinzip einen Schritt nach vorne darstellt,
nicht unbedingt erwarten konnte, ist kein
Geheimnis und macht es umso angenehmer, über
dieses Werk zu berichten. Die HIM-Fans können
also aufatmen. Es geht
weiter!
Anspieltipps:
» The path
» This sacrament
» Buried alive by love
» Sweet pandemonium
» This fortress of tears
Insgesammt erhielt dieses Album von Filmstars.de 7/10 Punkten.
Quelle: Filmstars.de
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